Luzerner Zeitung 12.09.2025 Roman Kühne
Gleich zwei Stars bestreiten den Mittwochabend im KKL.Die jubilierende Orgel und der improvisierende Tausendsassa Wayne Marshall. Und dazu die Festival Strings Lucerne, welche für einmal gar die Wiener Philharmoniker in den Schatten stellen.
Zum Schluss von Wayne Marshalls Soloauftritt am Montag in der Ark Nova gibt es noch einen Gassenhauer. Ausgerechnet StarWars. Darth Vader, den Marsch des Bösen hat sich eine Zuschauerin gewünscht. Aber Marshall zuckt nicht mit der Wimper,setzt sich an das Klavier und füllt den ungewöhnlichen Raum mit wunderbaren Klängen. Oder besser: wunderlichen.
Zwar spielt er das markante Thema – und spielt es doch nicht. Kaum ein Takt folgt der Melodie. Trotzdem bleibt sie immer präsent. Die raschen Modulationen der Tonarten, die schaukelnden Tempi – in alle Zeltrichtungen wird das Stück gezogen. Ein Ohrwurm, aus dem sich neue Welten winden. Eine Jazzimprovisation vom Feinsten.
Orgelimprovisation mitten im Stück
Es sind diese Qualitäten, die den Pianisten, Organisten, Komponisten und Dirigenten Wayne Marshall von anderen Klavierwundern unterscheiden. Wie selbstverständlich erfasst er Musik, Stimmungen oder Tonabläufe. Und wandelt sie um in etwas, das ähnlich scheint, aber doch ganz eigen ist.
Auch beim Auftritt im KKL vom Mittwochabend – an der grossen Goll-Orgel und begleitet von den Festival Strings Lucerne unter Daniel Dodds – lässt er diese Lichter blitzen. Im «Konzert für Orgel, Streicher und Pauke» von Francis Poulenc übernimmt er kurz vor Schluss die Jahrmarkstimmung dieses Teils. Immer schneller drehen sich die fliegendenGondeln. Helle Klangstalagmiten und atonale Akkordbälle. Es ist ein klirrender Ritt, der nahtlos in den letzten Satz leitet.
Dieses Talent wurde ihm in die Wiege gelegt. Schon als kleiner Knirps spielte Wayne Marshall Klavier. Alles nach Gehör. Der Schock kam erst später, als er mit acht Jahren Klavierunterricht erhielt und er Noten lesen sollte. «Da gingen die Probleme so richtiglos», wie er in der Ark Nova schelmisch bemerkte.
Orgel imKKL:Wolldecken gegen den Hall
Das Eröffnungsstück ist zugleich der Höhepunkt des Abends.Viele Farben, packende Rhythmen, sinnliche Orgelführung und ein lebendiges Zusammenspiel zwischen den Festival Strings, der Kesselpauke und dem Orchester lassen keine Wünsche offen.
Und es rückt den anderen Star des Abends in sein auffallendstes Licht: die Goll-Orgel. Seit 25 Jahren formt sie das Zentrum der Salle Blanche. Doch nur (zu) selten ist sie auch die Hauptakteurin. Mit 66 Registern und 4387 Pfeifen eher klein gebaut wurde sie erst zwei Jahre nach der Eröffnung des KKLs fertiggestellt. Nicht ohne Anekdoten. So hallte der dafür vorgesehene Leerraum dermassen, dass man ihn notfallmässig mit Wolldecken ausstopfte.Oder das Stimmen der Pfeifen:Da der Saal oft belegt war, fand diese Arbeit meist in tiefer Nacht statt.
Das zweite Stück des Abends, das 5.Orgelkonzert des Franzosen Naji Hakim zeigt exemplarisch wie flexibel und agil diese Orgel klingen kann. Hakims Komposition knüpft an seine libanesischen Wurzeln an. Der erste Satz ist ein rhythmisches Fest, ein wilder Sommertanz, der den Saal zu spontanem Applaus verführt. Fern schwebt der zweite Teil. Eine Liebesszene wie aus «Casablanca»–süffig und romantisch. Zum Schluss drehende Magie und Lebenslust. EinWermutstropfen: Dem Klangausgleich zwischen dem Orchester, der Kesselpauke und derOrgel fehlt dieBalance.Hier hätte es ein grösseres Orchester oder eine schlankere Orgelsetzung gebraucht.
Festival Strings Lucerne – Wiener Philharmoniker 1:0
Neben der Pfeifenwucht des ersten Teils geht die Leistung der Festival StringsLucerne fast etwas unter. Im Gegensatz zu den Wiener Philharmonikern orientiert sich ihre Interpretation der «Jupiter Sinfonie» von Mozart an der historischen Aufführungspraxis. Schlank im Klang, mit «trockener» Kesselpauke, Trompeten ohne Ventilen und einem sprechenden Gestus zeichnen die Festival Strings malerisch und sinnhaft die ersten zwei Sätze. Schade lassen die vielen Verzögerungen und Stillstände dem Dritten gar etwas die Luft ab.Wieder leicht und quirlig ist das Finale.Neben all den Grossformationen der letzten Tage eine willkommene Erfrischung.